„Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“ – äthiopisches Sprichwort

Äthiopien, Adigrat Vision 16.01.16-23.02.16

Es ist Sonntagabend, wir genießen die letzten Sonnenstrahlen und werden von christlich-orthodoxen Gesängen beschallt, an die wir uns bis heute noch nicht gewöhnt und die uns schlaflose Stunden beschert haben. Heute sind wir seit genau fünf Wochen in Adigrat und an unserem vorletzten Abend lassen wir die Zeit nochmal Revue passieren.

Obwohl uns am Anfang oft beteuert worden ist, dass es bald wieder fließend Wasser gäbe, mussten wir die ganze Zeit ohne auskommen. Außer uns scheint das hier niemanden groß zu stören, dass die ganze Stadt seit fast zwei Monaten nicht mehr versorgt wird. Aber auch wir konnten uns gut damit arrangieren, jeden Morgen wurde Wasser in gelben Kanistern gebracht und wir mussten so auf nichts verzichten. Das Zimmer für die Volunteers ist direkt im Kindergarten, und sehr geräumig, wir haben uns dort immer sehr wohlgefühlt.

Im Kindergarten arbeiten zwei Köchinnen, 6 Kindergärtnerinnen, eine Buchhalterin, eine Leiterin, Haile Melekot als Koordinator und Hagos als Chef, der allerdings nicht regelmäßig da ist. Obwohl es definierte Aufgaben gibt, helfen alle zusammen und jeder übernimmt jeden Job. Die Betreuerinnen sind sehr gesellig und die Küche dient als Treffpunkt, wo zusammen gegessen, Kaffee getrunken, gequatscht und sich ausgeruht wird. Stress oder Hektik ist ein Fremdwort. Diese Arbeitseinstellung ist für uns etwas befremdlich.

Morgens stehen wir bei strahlendem Sonnenschein um halb acht auf und helfen erstmal in der Küche schnippeln. Unsere Hauptanliegen sind das Händewaschen, Zähneputzen und der Englischunterricht für die Kindergärtnerinnen. Manchmal holen wir uns Kleingruppen von 4 Kindern ins Spielzimmer, wo wir mit ihnen malen und Lego spielen. Ab halb fünf werden die Kinder dann abgeholt. Unser Ansprechpartner Haile Melekot organisiert einen von uns gehaltenen Englischunterricht für 7.-Klässler einer nahe gelegenen Schule. Wir sind erschrocken, wie wenig die Schüler können. Generell sprechen nur sehr wenige Äthiopier Englisch, was uns die Kommunikation - vor allem mit den Kindergärtnerinnen - stark erschwert. Das liegt zum einen an den schlecht ausgebildeten Lehrern, aber zum anderen auch am fehlenden Interesse. Zu unserer ersten Unterrichtsstunde für die Erzieherinnen kam keiner, aber mit der Zeit schienen die Betreuer doch Spaß daran zu haben. Das Konjugieren von „to be“ bereitete einige Schwierigkeiten, doch mit Hailes Übersetzungen konnten wir ein paar Grundkenntnisse vermitteln. 

Essenstechnisch ist in Äthiopien nicht viel geboten, die meisten Einheimischen essen am Liebsten Injera (gräuliches, säuerliches Fladenbrot, das mit verschiedenen scharfen Saucen serviert wird) zu jeder Tageszeit. Für uns gab´s in der Früh Weißbrot, mittags Injera und abends haben wir uns oft Nudeln gekocht.

Der Kindergarten liegt von Bergen umgeben – in der Nähe des Stadtzentrum Adigrats -, wo wir oft Nudeln aßen, Mangojuice tranken und die Möglichkeit hatten ins Internet zu gehen. Am Wochenende machten wir Ausflüge mit Haile Melekot oder Hagos, gingen Wandern oder fuhren in die Stadt, um neue Freunde zu treffen. Besonders beeindruckend war der Ausflug zu Hagos Familie, die in einem abgelegenen Dorf ohne Strom ein sehr ursprüngliches Leben führen. Von dort aus hatten wir einen traumhaften Blick und wir entschieden uns dafür, draußen unter einem Strohdach im Heu zu schlafen. Für uns war es ein tolles Abenteuer und sehr erholsam in der Natur zu sein. Die, wie wir 18-jährige Schwester vom Hagos, die bereits verheiratet ist und ein Baby hat, hat uns aber auch gezeigt, wie hart das Leben auf den Land sein kann, vor allem als Mädchen beziehungsweise Frau.

Die letzten fünf Wochen waren für uns eine erlebnisreiche Zeit die wir sehr genossen haben. Wir haben Leute kennengelernt, wie zum Beispiel die neun-jährige Tochter vom Guard, die immer auf ihren kleinen Bruder aufpassen muss und trotzdem sehr fröhlich und zufrieden ist. Durch die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Einheimischen wurden wir oft eingeladen und bekamen so außer Injera, zuckersüßem Kaffee und Schnaps einen sehr persönlichen Einblick in das alltägliche Leben. Wir werden uns an Hailes lautes Lachen, ans durch die Küche tanzen, an nächtliche und vor allem abenteuerliche Bajajfahrten und ans von uns liebevoll genannte Anettchen erinnern, das gerne verträumt durch die Gegend hüpfte und uns breit angrinste. 
Noch eine Anekdote zum Schluss: Als wir Haile auf die hier weit verbreitete Droge Qat ansprachen, meinte dieser nur: “Yes, there is cat.“ (lange Pause) “But I think more dogs.“ 

Alena Henkel und Charlotte Barth