Die Situation vor Ort

Äthiopien  gehört nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Erde. Es hat ca. 80 Millionen Einwohner und kommt auf ein durchschnittliches Pro-Kopf- Einkommen von etwa 830 US-Dollar im Jahr. Der Großteil der Bevölkerung lebt unter der absoluten Armutsgrenze, im Human Development Index 2012 liegt Äthiopien auf Platz 174 von 188 Ländern. Mehr als 50% der Bevölkerung sind Analphabeten. Obwohl offiziell Schulpflicht besteht, gehen nicht alle Kinder in die Schule. Bis sie alt genug sind, um  zu arbeiten, bleiben sie häufig sich selbst überlassen. In den Städten besuchen ca. 80% der Kinder die Grundschule, ungefähr 40 % eine weiterführende Schule. Die Mädchen bekommen seltener die Möglichkeit zum Schulbesuch, da sie oft in sehr jungem Alter schon im Haushalt und bei der Geschwisterbetreuung helfen müssen. Auf dem Land  ist die Situation noch weitaus schwieriger. Auch Aids ist in Äthiopien verbreitet: Nach Schätzungen gibt es ca. 890.000 Aidswaisen.

Besonders schwierig ist die Situation der Frauen. Die Gleichberechtigeung der Geschlechter ist zwar in der äthiopischen Verfassung verankert, die Realität ist allerdings anders. Der Anteil der Frauen, die lesen und schreiben können, ist weit geringer, als der der Männer, trotzdem ist die Zahl der berufstätigen Frauen sehr hoch, dabei sind sie die Geringverdiener. Mädchen werden auch heute oft sehr jung zwangsverheiratet und können auf dem Land nach wie vor Opfer von Beschneidung werden. Häusliche Gewalt gegen Frauen ist ein großes Problem in Äthiopien, wird aber von den Opfern selten zur Anzeige gebracht. Empfängnisverhütung und somit Familienplanung wurde erst in den letzten Jahren populärer, Abtreibung ist nach wie vor ein äthiopisches Tabuthema. Eine Frau ist nicht berechtigt, den Besitz ihres Vaters zu erben, nicht einmal den ihres Mannes. Wenn sie kein Kind, oder nur Mädchen bekommen hat darf sie nicht auf dem Grundstück ihres verstorbenen Mannes bleiben.

Die Stadt Adigrat  liegt im Norden Äthiopiens in der Region Tigray nahe der Grenze zu Eritrea und hat heute ca. 110.000 Einwohner. Aufgrund der Grenzlage litt die Stadt besonders unter dem mehr als 20 Jahre währenden Krieg mit Eritrea. Adigrat ist bis heute Anlaufstelle für viele Flüchtlinge, vor allem alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern. Die Infrastruktur der Stadt ist bei weitem nicht ausreichend: Nur wenige Haushalte verfügen über einen Wasseranschluss, es gibt nur ein Krankenhaus und eine geringe Anzahl von Kindergärten. Aus diesem Grund bleiben die Kinder zwischen drei und sechs Jahren häufig sich selbst überlassen, haben wenig Möglichkeiten, sich kindgerecht zu entwickeln oder auf einen möglichen Schulbesuch vorbereitet zu werden.

Die Situationsanalyse vor Ort ergab, dass es zwar einige Kindergärten gibt, diese aber für die Einwohnerzahl bei weitem nicht ausreichen. Außerdem liegen die wenigen bestehenden Kindergärten im nördlichen oder mittleren Teil von Adigrat, der inzwischen stark besiedelte Südteil verfügt bisher noch über keine derartigen Einrichtungen.