Newsletter Juli 2021

 

Liebe Spender und Interessierte von Adigrat Vision e.V.,

Die Lage in der nördlichen äthiopischen Region Tigray, in der auch Adigrat liegt, ist nach wie vor sehr schwierig. Die Kämpfe zwischen der TDF (Tigray Defense Front), der äthiopischen Regierungsarmee und den Eritreischen Soldaten flammen immer wieder auf. Nach wie vor haben die benachbarten Amharen weite Teile des westlichen Tigray besetzt und die dort ansässigen Tigray werden systematisch vertrieben. Vor einer knappen Woche wurde die Hauptstadt Mekelle von der TDF erobert. Als Folge der Rückeroberung von Mekelle, hat die äthiopische Regierung zwar eine Waffenruhe erklärt. Gleichzeitig wird aber offenbar die Infrastruktur eingeschränkt oder komplett gekappt. Damit geht auch das Leiden der Bevölkerung unvermindert weiter. Die Versorgungslage ist in ganz Tigray katastrophal. Immer wieder ist zu lesen, dass die Zentralregierung Hunger als Waffe im Kampf gegen die Region einsetzt. Felder wurden mutwillig zerstört und das Vieh z.T. getötet. Die größte Herausforderung ist derzeit, den vielen Binnenflüchtlingen Unterkunft zu geben und die Versorgungslage zu verbessern.

Wie im letzten Newsletter berichtet, haben wir deshalb unseren Kindergarten für vor Massakern Geflüchtete oder aus ihrer Heimat Vertriebene geöffnet. Knapp 100 Frauen und Kinder leben jetzt in unserem Kindergarten und werden von unseren Mitarbeitern verpflegt und umsorgt. Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist die Möglichkeit, sich die erlebten Gräuel buchstäblich von der Seele zu reden. Wir haben zahllose Berichte der bei uns untergekommenen Frauen, die das ganze Leiden der Zivilbevölkerung deutlich machen. Außerdem bieten wir die Versorgung mit notwendigen Medikamenten und, ganz entscheidend, Sicherheit vor Übergriffen. Darüber hinaus leisten wir, dank der guten Kontakte unseres Verantwortlichen vor Ort, auch Lebensmittelhilfe für die Familien unserer Kindergartenkinder und weitere 60-70 Familien. Fast 200 Familien bekommen so neben den Flüchtlingen in unserem Kindergarten, monatlich je 20kg Grundnahrungsmittel, vor allem Reis und Makkaroni. Wir hoffen sehr, dass es die Situation erlaubt, diese Hilfe auch in Zukunft aufrechtzuerhalten.

Dank Ihrer/Eurer großzügigen Spenden verfügen wir aktuell über ausreichende Mittel, um diese Unterstützung zu leisten. So wie es aussieht, wird es absehbar nicht möglich sein, unseren ursprünglichen Vereinszweck 1:1 zu erfüllen. Wir hoffen also, dass Ihr/Sie mit unserer Vorgehensweise nach wie vor einverstanden seid/sind. Es ist aus unserer Sicht derzeit die einzige Möglichkeit, etwas Sinnvolles für die Menschen vor Ort zu tun.

In jedem Fall halten wir Euch/Sie weiter auf dem Laufenden. Mit herzlichen Grüßen Euer/Ihr Team von Adigrat Vision e.V.

Andrea Barth, Dr.Ulrike Berg, Rika Nölke, Sabine Schötz, Karin Staisch, Annette Weltz

München, 07.07.2021


Aktuelle Situation in Adigrat Ende Juni 2021

Im Moment erreichen uns täglich durch die internationale Presse neue Nachrichten über die Situation in Tigray. Nach wie vor wird erbittert gekämpft, auch gab es Luftangriffe,der Hunger ist groß, die medizinische Hilfe für die Menschen dort praktisch nicht vorhanden. Angeblich ist die Stadt Adigrat jetzt unter Kontrolle der eritreischen Truppen, die äthiopische Regierungsarmee musste sich wohl angeschlagen zurückziehen.

Trotzdem schafft es das Adigrat Vision Team vor Ort, 160 Familien aus der Umgebung des Kindergartens mit Nahrung (Reis und Nudeln, je 10 Kg pro Familie) zu versorgen.

Im Kindergarten - jetzt IDP Center - leben inzwischen 90 Personen, ausschließlich Mütter mit ihren Kindern. Das erste Baby, ein kleines Mädchen, wurde vor zwei Wochen dort geboren. Die Frauen wurden mit Wolle versorgt, damit sie sich in ihrer vielen freien Zeit mit Handarbeiten beschäftigen können.

Was für eine gute Idee!


Die Geschichte von Fortuna - eine Frau, die als Vertriebene jetzt im AV KIndergarten wohnt. (Name geändert)


Vor dem Krieg hatte Fortuna ein gut gehendes Café in Wukro, einer Stadt etwa 70 km südlich von Adigrat gelegen. Fortuna ist 33 Jahre alt, hat zwei Kinder im Alter von 8 und 3 Jahren. Sie lebte alleine, ohne ihren Ehemann, mit ihren Kindern,

In den ersten Kriegstagen im November 2020 wurde Fortuna von zwei eritreischen Truppen vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt. Die Soldaten drohten ihr, wenn sie nicht stillhalte, würden sie ihre beiden Kinder ermorden. Nach mehrmaligen Vergewaltigungen über viele Stunden war sie längere Zeit bewusstlos.
Die Soldaten plünderten ihr gesamtes Eigentum, sowie das ihres Bruders im gemeinsamen Haus und verluden alles auf Lastwagen.

Schnell entschloss sich Fortuna, mit ihren Kindern nach Adigrat zu fliehen. Sie gelangte in eine Schule in Adigrat, wo sie und ihre Kinder aufgenommen wurden. Dort war es allerdings kalt, schmutzig und oft gab es kein Wasser. Über Lebensmittelspenden aus der Nachbarschaft wurden die Vertriebenen in der Schule ernährt.
Jetzt ist Fortuna froh, im IDP (Internally Displaced People) Center von Adigrat Vision sein zu können. Sie ist allerdings durch das Erlebte stark traumatisiert und braucht dringend psychologische Unterstützung. Aus den Vergewaltigungen ist keine Schwangerschaft entstanden.


Der Kindergarten in Adigrat wird ein Flüchtlingscamp - vertriebene und geflüchtete Frauen mit ihren Kindern finden ein Übergangszuhause

In Tigray herrscht weiterhin Krieg, es kommt immer noch zu Massakern an der Zivilbevölkerung und auch zu brutalen Vergewaltigungen. Die Menschen in der ganzen Region leben in Angst und Hunger, Adigrat ist genauso betroffen wie der Rest Tigrays. Schulen und andere Bildungseinrichtungen sind nach wie vor geschlossen, nur in der Regionalhauptstadt Mekelle wohl wieder geöffnet. Die Informationen aus der Region sind leider nach wie vor äußerst spärlich, da es für Journalisten sehr schwierig ist, ins Land zu kommen.

Seit einiger Zeit hat der Verein in München wieder telefonischen Kontakt zu den Mitarbeitern in Adigrat. Anfang Mai erreichten uns sogar die ersten Fotos via Internet. Der Kindergarten und die Schülerbücherei sind nicht beschädigt und auch nicht geplündert worden. Nur die Wassertanks wurden abmontiert.

Wir sind sehr froh, dass die Kindergartengebäude seit etwa einer Woche als Aufnahmeort für geflüchtete und vertriebene Frauen mit ihren Kindern benutzt werden können. Im Moment leben 20 Frauen mit insgesamt 33 Kindern im Kindergarten, zwei Mütter leiden an Malaria, eine hat eine Geburtsfistel, fünf sind minderjährig und mindestens sechs der Frauen wurden vergewaltigt. Der Kindergarten kann bis zu 100 Menschen aufnehmen, die aus dem Westen Tigrays vertrieben werden oder aus den nahegelegenen Bergen fliehen, wo es immer wieder zu Kämpfen kommt.

Das Kindergartenpersonal ist sehr engagiert, für diese Menschen ein kurzzeitiges Zuhause zu schaffen; Matratzen werden angeschafft, es wird gemeinsam gekocht und viele Gespräche mit den traumatisierten Frauen geführt. Außerdem werden die Frauen und Kinder auch medizinisch versorgt.

Zum ersten Mal wurden auch an 119  Familien der Kindergartenkinder wieder Grundnahrungsmittel wie Nudeln, Reis und Mehl verteilt.

Somit kann Adigrat Vision endlich wieder konkrete Hilfe anbieten, indem für die besonders Bedürftigen ein sicheres Dach über dem Kopf geschaffen wurde und Nahrungsmittel ausgegeben wurden.

 


Adigrat Vision e.V. unterstützt diese Aktion!